Vergangene Veranstaltungen im Jahr 2026:


Russische Spezialitäten

Bittersüß und zutiefst politisch schreibt Dmitrij Kapitelman in seinem neuen Roman über Familie und die (Un-)Möglichkeit der Verständigung vor dem Hintergrund früherer und heutiger Kriege.
Eine Familie aus Kyjiw verkauft russische Spezialitäten in Leipzig. Wodka, Pelmeni, SIM-Karten, Matrosenshirts. Doch ein osteuropäisches Zusammengehörigkeitsgefühl ist seit dem russischen Überfall auf die Ukraine nicht mehr zu haben. . Wobei, Letzteres ist seit dem russischen Überfall auf die Ukraine nicht mehr zu haben. Die Mutter steht an der Seite Putins. Und ihr Sohn, der keine Sprache mehr als die russische liebt, keinen Menschen mehr als seine Mutter, aber auch keine Stadt mehr als Kyjiw, verzweifelt. Klug ist es nicht von ihm, mitten im Krieg in die Ukraine zurückzufahren. Aber was soll er tun, wenn es nun einmal keinen anderen Weg gibt, um Mama vom Faschismus und den irren russischen Fernsehlügen zurückzuholen?
Ein Buch, wie nur Dmitrij Kapitelman es schreiben kann: tragisch, zärtlich und komisch zugleich.

Dmitrij Kapitelman (* 1986 in Kiew) ist ein deutschsprachiger Schriftsteller, Journalist und Musiker. Mit acht Jahren kam er mit seiner Familie als jüdischer Kontingentflüchtling nach Deutschland. Er studierte Politikwissenschaft und Soziologie an der Universität Leipzig und absolvierte die Deutsche Journalistenschule in München. Heute arbeitet er als freier Journalist.


Antisemitismus und die AfD

Antisemitismus ist in der AfD allgegenwärtig. Immer wieder attackiert die Partei unter Rückgriff auf antisemitische Stereotype prominente Vertreter*innen jüdischen Lebens, teilen führende AfD-Funktionär*innen antisemitische Verschwörungserzählungen oder relativieren die Verbrechen des Nationalsozialismus. Trotz der zahlreichen einschlägigen Skandale in ihrer noch jungen Parteiengeschichte wird dem Antisemitismus in der Analyse der AfD jedoch kaum Beachtung geschenkt.
In seinem Buch widmet sich Stefan Dietl dieser Leerstelle und beschreibt den Antisemitismus als wesentliches Ideologieelement und Welterklärungsmodell der AfD. Dabei nimmt er die verschiedenen Erscheinungsformen des Judenhasses in der Partei ebenso unter die Lupe wie die Versuche der AfD, sich als Bollwerk gegen Antisemitismus und Fürsprecherin Israels zu inszenieren. Zudem wirft er einen kritischen Blick auf die angebliche Tabuisierung des Judenhasses in der deutschen Gesellschaft und auf die Renaissance des Antisemitismus im öffentlichen Raum.

Stefan Dietl, geboren 1985, lebt und arbeitet im bayerischen Sulzbach-Rosenberg. Neben seiner ehrenamtlichen gewerkschaftlichen Tätigkeit als Vorsitzender des ver.di-Bezirks Oberpfalz und im Landesvorstand der ver.di Bayern schreibt er als freier Journalist unter anderem für Jungle World, Versorgerin und Konkret. Im Band »Die AfD und die soziale Frage« (2017) beschäftigt er sich mit der Wirtschafts- und Sozialpolitik der AfD und publiziert seitdem regelmäßig zu der Partei.

Jüdischen Gemeinde Celle e.V. in Kooperation mit dem Projekt Gesellschaftliche Perspektiven gegen Antisemitismus, der vhs Celle und der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Celle e. V. 
Das Projekt wurde gefördert vom Landes-Demokratiezentrum Niedersachsen.


Gott im Wort
Theologie des Neuen Testaments: ein Widerhall der jüdischen Bibel

Foto: Lange Susanne Bachmann-Günther, Katja Hufschmidt-Bergmann, Prof. Wengst, Hermann Gellermann und Astrid Lange (v.l.n.r.)

Großes Interesse fand die Vorstellung seines Buches von Prof. Wengst. Mit einer interessanten Diskusion endete der Abend, zeigte jedoch auch, dass der Dialog noch nicht zu Ende ist.

Der Tod Jesu verschlug denen, die ihm gefolgt waren, die Sprache. Sie mussten erfahren, dass all die Hoffnung, die sie gehegt hatten, zunichte wurde. Sie waren stumm, doch nicht ohne Worte, denn sie hatten die Texte der jüdischen Tradition, der hebräischen Bibel, und deren griechische Übersetzung.
Klaus Wengst zeichnet nach, wie die Jesusanhänger hier die Worte finden, mit denen sie die Ereignisse um Jesus deuten können und wie sich daraus die Texte des Neuen Testaments entwickeln. Im Zentrum steht dabei als grundlegende Botschaft: "Gott hat Jesus von den Toten aufgeweckt." Woher kam diese Überzeugung und wie ist sie auf dem Hintergrund des Judentums gemeint?
Aus der Perspektive der Auferstehung war Jesu Tod nicht mehr Zeichen eines endgültigen Scheiterns, sondern konnte positiv gedeutet werden. Zum Beispiel als Ereignis der Versöhnung und Sühne. Auferstehung und Versöhnung sind eingebettet in die gesamtbiblisch zentrale Frage nach Recht und Gerechtigkeit.

Klaus Wengst, geb. 1942, Studium der evangelischen Theologie in Bethel, Tübingen, Heidelberg und Bonn; seit 1981 Prof. für Neues Testament an der Universität Bochum


Aufzeichnungen aus Israel

Foto: Carsten Maehnert Astrid Lange, Sarah Levy, Sabine Maehnert, Katja Hufschmidt-Bergmann (v.l.n.r)

Einen eindringlichen, persönlichen Bericht aus Israel und ein Plädoyer für die Menschlichkeit auf beiden Seiten eines zerstörerischen Kriegs gab Sarah Levy vor 65 Besucher`*innen in der Ev.-ref. Kirche. Ist das noch mein Land? Diese Frage stellt sich Sarah Levy, seit sie erlebt, wie Israels rechtsnationale Regierung die israelische Gesellschaft spaltet. Dann attackiert die Hamas das Land am 7. Oktober 2023. Auf brutale Weise ändert der Krieg das Leben, das die junge Mutter in Tel Aviv führt. Sie flieht mit Partner und Kind in ihre Heimat Frankfurt und muss dort erkennen, dass Deutschland nicht mehr ihr Land ist. Doch das Israel, in das sie zurückkehrt, kämpft um seine Seele. Freunde tragen plötzlich Waffen, Verwandte wünschen Palästinensern die Auslöschung, Nachbarn unterstellen ihr, die Soldaten zu verraten. Der Kriegsalltag zwischen Schutzbunker und allgegenwärtigem Verlust führt Levy an ihre Grenzen – als Mutter und als Partnerin, aber auch als Deutsche, die jetzt verstehen muss, dass das Land, das sie zum Leben gewählt hat, die Hoffnung auf eine friedliche Zukunft mit den Palästinensern schon lange verloren hat. Wer wird mein Sohn, fragt sie sich, wenn er hier aufwächst?
Sarah Levy beschreibt mit kritischem Mitgefühl, wie Radikalisierung und Polarisierung ein Land verändern – und letztlich auch sie selbst.

Sarah Levy, geboren 1985, wuchs in Deutschland mit jüdischen und nicht-jüdischen Großeltern auf; 2019 wanderte sie nach Israel aus und schrieb darüber ihr erstes Buch «Fünf Wörter für Sehnsucht». Sie besuchte die Henri-Nannen-Journalistenschule und arbeitet als freie Journalistin. Seit 2018 koordiniert sie das Projekt stopantisemitismus.de und arbeitet für diverse Bildungsinitiativen. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Tel Aviv.


Antijüdischen Klischees in Passionsmusik -„deyner sunde Diener“? - J.S. Bachs Kunst und die Judenverachtung 

Weil „nicht sein kann, was nicht sein darf“? Johann Sebastian Bachs sogenannte „Judenchöre“ in seinen zwei oratorischen Passionen verstören uns. Sie stören unser Ideal von Bach, dessen musikalische Kunst uns staunen lässt und demütig macht.
Im Vortrag wird versucht Fragen zu klären. Wie gehen wir um mit dem Verhältnis von kompositorischer Vollkommenheit und Verstrickung? Wie unterscheidet Bach die „Berichte“ aus den Evangelien vom „Bedenken“ des Verhältnisses zwischen sündloser Reinheit und „unserer“ Schuld - ein Bedenken, bei dem „Jüden“ gar nicht vorkommen? Nicht selten werden diese Passionsteile als Beleg dafür genommen, dass es in den Bachschen Passionen gar nicht um Judenverachtung gehe.
Doch was ist mit indirektem Antijudaismus? Seit frühchristlicher Zeit hatte sich Antijudaismus in Europa wie eine Konvention verselbständigt, wie eine christlich alternativlose Totalität. Oder kennt jemand ein Zeugnis bis zur Mitte des 18. Jh.‘s, das gegen Judenverachtung argumentiert hätte? In diesem Zusammenhang müssen J.S. Bachs oratorische Passionen verstanden werden.
Ist der bei Bach zu findende Antijudaismus für uns heute also fremd? Oder erleben wir mit seinen Passionen Spiegelungen unserer eigenen Verstrickung mit der Tradition des europäischen Antijudaismus?

Dr. Rüdiger Nolte, geboren in Celle, war tätig im Bereich Verlagswesen, Musikmanagement Dramaturgie und Hochschulleitung. Z.Zt. ist Rüdiger Nolte u.a. Vorsitzender des Hochschulrats der Hochschule für Musik FRANZ LISZT, Weimar, Mitglied im Beirat der Paul Ege Art Collection, Freiburg, sowie Mitglied im Kuratorium des StegreifOrchesters. Er lebt in Berlin.

Lieber Gott als nochmal Jesus. Fast eine Beichte - Lesung mit Ilja Richter
„Ich glaube nicht an Gott, aber ich vermisse ihn.“ Dieser schillernde Satz des britischen Schriftstellers Julian Barnes gab Ilja Richter den Anstoß, sich auf die Suche nach der eigenen Zugehörigkeit und Identität zu machen – mal ernst und sehr persönlich und dann auch wieder heiter-humoristisch. Dabei nimmt er uns mit auf (s)eine Suche nach religiöser Heimat „zwischen Kreuz und Davidstern“: als Sohn einer jüdischen Mutter, die den Naziterror überlebt hat, und eines kommunistischen Vaters, selbst aufgewachsen ohne konfessionelle Verankerung oder Traditionen, vom protestantischen Religionsunterricht abgesehen. Die Suche vollzieht sich in den unterschiedlichsten Formen: in Geschichten von bitterer Komik, in pointierten Dialogen und Sketchen, in tatsächlich geführten Interviews (u. a. mit Gregor Gysi), aber auch in kleinen Essays über Religion im Werk einiger zeitgenössischer Schriftsteller oder in Betrachtungen über persönliche Erlebnisse und Erfahrungen. Thematisch geht es dabei um Väter und Söhne, um Glauben, Gott und Jesus und um die eigene Position zwischen Juden- und Christentum – fernab aller Disco-Klischees.
Ilja Richter begann seine Bühnenlaufbahn bereits mit neun Jahren. Einem breiten Publikum wurde er in den siebziger Jahren vor allem durch «disco» (ZDF) bekannt. Ab seinem 30. Lebensjahr wandte er sich vorwiegend dem Theater zu – mit einem breiten Spektrum von „Hello, Dolly!“ bis zu „Richard III.“ Seit einigen Jahren ist er vorwiegend mit seinen Soloprogrammen und Lesungen auf der Bühne zu erleben. Nach zahlreichen CD- und Radioproduktionen wurde er in der Kategorie „Bester Interpret“ für den Deutschen Hörbuchpreis 2024 nominiert (Karel Capek: „Der Krieg mit den Molchen“, DAV; Longlist).
(in Kooperation mit Kunst& Bühne)


DER DRITTE BRUDER. Ein Dokumentarfilm von Kathrin Jahrreiß
Kathrin Jahrreiß geht dem Leben von drei sehr unterschiedlichen Brüdern nach: Einer machte bei den Nazis Karriere und behielt auch in der BRD einen hohen Status, ein anderer flüchtete in die USA und der dritte, ihr Opa, blieb nach der Ermordung seiner jüdischen Frau in Dresden, um nach dem Krieg als Anwalt einen Rechtsstaat mit aufzubauen – bis er von der Stasi rekrutiert wurde. Eine persönliche Spurensuche, die ein komplexes Bild einer deutsch-jüdischen Familie über drei Generationen in mehreren politischen Systemen zeichnet.
Kommentar: Der Film ist spannend, tragisch und sehr bewegend. Das zeigten die Gepräche im Anschluss an den Film.
(in Kooperation mit Kino achteinhalb)